Autor: Dr. Feride Nur Haskaraca Kizilay
Bild: Peer-Unterstützung unter ukrainischen Geflüchteten in Deutschland: Gemeinsam Varenyky backen.
Eine neue Realität der Vertreibung
Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 sind mehr als sechs Millionen Ukrainer:innen aus ihrer Heimat geflohen und haben in zahlreichen europäischen Ländern Schutz gesucht – von Polen und Rumänien bis nach Deutschland, Spanien und das Vereinigte Königreich (UNHCR, 2024). Allein in Deutschland lebt inzwischen fast ein Drittel von ihnen. Auch wenn viele europäische Staaten Zugang zu Unterkunft, Arbeitsmarkt und Gesundheitsversorgung ermöglicht haben, bestehen weiterhin erhebliche Lücken in der emotionalen und psychischen Unterstützung. Da die meisten Männer in der Ukraine verbleiben müssen, setzt sich die Mehrheit der Geflüchteten aus Frauen, Kindern und älteren Menschen zusammen. Viele Frauen stehen vor der Herausforderung, ihre Familien zu versorgen, sich in unbekannten Verwaltungsstrukturen zurechtzufinden und zugleich eigene traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. Hochqualifizierte Frauen finden sich häufig in Beschäftigungen wieder, die deutlich unter ihrem Qualifikationsniveau liegen, während Kinder mit unterbrochenen Bildungswegen und sprachlichen Barrieren konfrontiert sind.
Verborgene Wunden: Psychische Gesundheit in der Vertreibung
Die psychische Belastung durch Krieg und Migration sitzt tief. Studien zeigen ein hohes Maß an Angstzuständen, Depressionen und posttraumatischem Stress unter ukrainischen Geflüchteten, insbesondere unter Frauen, die sowohl emotionale als auch Betreuungsaufgaben tragen (z. B. Buchcik et al., 2023; Rizzi et al., 2022). Während einige durch ehrenamtliche Tätigkeiten oder körperliche Aktivitäten Erleichterung finden, sehen sich viele mit Hindernissen bei der psychischen Gesundheitsversorgung konfrontiert, wie Sprachschwierigkeiten, langen Wartezeiten oder einem Mangel an ukrainisch-sprachigen Fachkräften (Budosan et al., 2023). Infolgedessen sind informelle Gemeinschaftsnetzwerke und Peer-Kreise zu einer wichtigen Quelle emotionaler Unterstützung geworden.
Von der Therapie zur Gemeinschaft
In ganz Europa entstehen neue Programme zur Unterstützung Vertriebener aus der Ukraine – von traditioneller Psychotherapie und digitaler Beratung bis hin zu sinnorientierten Gruppensitzungen für Frauen (z. B. Costanza et al., 2022). Diese Bemühungen sind zwar vielversprechend, doch viele davon sind nach wie vor kleinräumig, fragmentiert oder für die Bedürftigsten unzugänglich. Oftmals erfordern sie ausgebildete Fachkräfte, eine stabile Finanzierung und Übersetzungen, was ihre Reichweite einschränkt. Hier bieten sich Peer-Unterstützungs-Modelle an.
Die Kraft der gegenseitigen Unterstützung
Gegenseitige Unterstützung bedeutet, dass Menschen anderen Menschen helfen: Personen mit ähnlichen Erfahrungen bieten einander Verständnis, Empathie und Rat. Dieser Ansatz hat das psychische Wohlbefinden in Flüchtlingsgemeinschaften weltweit verbessert (z. B. Abo-Rass et al., 2025). Was die gegenseitige Unterstützung für Ukrainerinnen besonders wirkungsvoll macht, ist ihre tiefe kulturelle Verankerung. Die ukrainische Gesellschaft schätzt Solidarität und gegenseitige Hilfe. Im Laufe der Geschichte haben sie sich auf kollektive Anstrengungen verlassen, sei es während der Maidan-Proteste oder in lokalen Freiwilligenbrigaden, um Krisen zu überwinden. Diese Traditionen der Fürsorge und Zusammenarbeit können in strukturierten Peer-Support-Programmen genutzt werden, in denen geschulte Gemeindemitglieder Gruppendiskussionen moderieren, gegenseitige Hilfe organisieren und das emotionale Wohlbefinden fördern. Solche Modelle sind kostengünstig, skalierbar und in vertrauten kulturellen Werten verwurzelt.
Kulturelle Stärke als Quelle der Heilung
Die Aufrechterhaltung menschlicher Beziehungen ist eine Lebensader. Der Kontakt zu geliebten Menschen, auch über Grenzen hinweg, stärkt nachweislich die Resilienz und schützt vor Verzweiflung (z. B. Rizzi et al., 2022). Gemeinschaftliche Netzwerke, spirituelle Praktiken und gemeinsame Routinen dienen als „psychologisches Kapital“ und helfen Menschen, sich an ihre neue Situation anzupassen. Peer-Support-Programme nutzen genau diese Stärken. Sie befassen sich nicht nur mit der psychischen Gesundheit, sondern stellen auch das Gefühl der Zugehörigkeit, Kontrolle und Sinnhaftigkeit wieder her. Auf diese Weise ergänzen sie die professionelle Betreuung und können Menschen erreichen, die sonst möglicherweise isoliert bleiben würden.
Ein Aufruf zu umfassenderen Maßnahmen
Um eine nachhaltige Wirkungen zu erzielen, müssen Peer-Support-Maßnahmen anerkannt, finanziert und in die nationalen Gesundheitssysteme integriert werden. Die Ausbildung ukrainischer Geflüchteten zu Peer-Helfern kann Gemeinschaften von innen heraus stärken, während die Zusammenarbeit mit Akteuren der Zivilgesellschaft und Regierungen der Aufnahmeländer für Nachhaltigkeit sorgen kann. Da Europa weiterhin Millionen von vertriebenen Ukrainer*innen aufnimmt, ist der Aufbau einer gemeinschaftsorientierten psychologischen Betreuung nicht nur eine Frage der Menschlichkeit, sondern auch der Praktikabilität. Indem wir in soziale Beziehungen investieren, investieren wir in die Genesung. In einem Kontext, in dem die Vertreibung wahrscheinlich langfristig anhalten wird, ist die Stärkung der gemeindebasierten psychischen Gesundheitsversorgung sowohl eine humane als auch eine pragmatische Reaktion. Peer-Support bietet eine Möglichkeit, gemeinsame Not in kollektive Resilienz zu verwandeln.
Referenzen
Abo-Rass, F., Nakash, O., Friedman, L., O’Neill, P., & Torres, M. E. (2025). Group peer support among immigrants and refugees: a scoping review. International Journal of Mental Health, 1–24. https://doi.org/10.1080/00207411.2025.2485710
Buchcik, J., Kovach, V., & Adedeji, A. (2023). Mental health outcomes and quality of life of Ukrainian refugees in Germany. Health and Quality of Life Outcomes, 21(1), 23. https://doi.org/10.1186/s12955-023-02101-5
Budosan, B., Castro, J., Kortusova, P., & Svobodova, I. (2023). Challenges and opportunities for mental health and psychosocial support programming during Ukraine refugee crisis in Czechia. Intervention Journal of Mental Health and Psychosocial Support in Conflict Affected Areas, 21(2), 107-115. . https://doi.org/10.4103/intv.intv_19_23
Costanza, A., Amerio, A., Aguglia, A., Magnani, L., Huguelet, P., Serafini, G., … & Amore, M. (2022). Meaning-centered therapy in Ukraine’s war refugees: An attempt to cope with the absurd?. Frontiers in Psychology, 13, 1067191. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.1067191
Rizzi, D., Ciuffo, G., Sandoli, G., Mangiagalli, M., de Angelis, P., Scavuzzo, G., … & Ionio, C. (2022). Running away from the war in Ukraine: the impact on mental health of internally displaced persons (IDPs) and refugees in transit in Poland. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(24), 16439. https://doi.org/10.3390/ijerph192416439
UNHCR (2024). Ukraine situation regional refugee response plan – January 2024 update. https://data.unhcr.org/en/situations/ukraine
